Arkadien in Lappland

Ein Finnland-Fan

Der folgende Beitrag ist von unserem Mitglied André Debus. Er berichtet in diesem von seinen ersten Berührungen mit dem Land Finnland. Angefangen mit einer Empfehlung, das Land zu besuchen, dann Urlaub und schließlich regelmäßige Ausflüge in den hohen Norden nach Lappland haben ihn und seine Kunst letztendlich inspiriert.
Als Künstler zeichnet er das Land und schreibt seine Erfahrungen und Erlebnisse dazu auf.

Eines schönen Tages empfahl mir ein Freund, halb Finne, halb Deutscher, Finnland als das „schönste Land der Welt“ zu besuchen. Da ich ohnehin vorhatte Skandinavien zu bereisen dachte ich mir: „Warum nicht? Fange ich mal mit Finnland an.“ Also organisierte ich mir eine Rundreise über Helsinki, Lappeenranta, Olavinlinna, Kuopio, Oulu, Vaasa, Jyväskylä, Tampere, Hämeenlinna und Turku. Quasi einmal die Seenplatte und dazu eine Prise Ostseeluft. Spätestens nach meiner zweitägigen Schifffahrt auf dem Saimaa wusste ich, was Finnland ausmacht: viel Natur und wenig Menschen. Nächstes Jahr wollte ich noch mal hin. Schon bei meinem ersten Aufenthalt in Turku hatte ich einen Tag auf einem Leihrad in die Schären hineingeschnuppert. Davon wollte ich mehr sehen! Also besuchte ich die Åland-Inseln, zu Finnisch Ahvenanmaa – das Land der Barsche. Es war ein herrlicher Sommer und ich erkundete den Archipel fast vollständig mit Rad und Fähre. Ich war völlig baff. Auch das sollte Finnland sein? Konnte ein Land voller blauer Seen und ewiger Wälder, sowie holzhäusergesäumter Küstenstädte zu allem Überfluss auch noch einen Schärengarten besitzen? Ich war mir sicher, auch nächstes Jahr muss ich wieder in dieses Wunderland fahren. Wegen der sprachlichen Hürde und meines wachsenden kulturellen Interesses belegte ich einen Finnisch-Kurs an der VHS.

Erste Abenteuer in Finnisch-Lappland

Denn da war noch etwas, was ich bislang nicht gesehen hatte: Lappland. Als Kind meinte ich, Lappland sei eine Art Märchenland, welches nur in Sagen existiert. Bis ich den Namen eines Tages in meinem Atlas fand. Trotzdem blieb Lappland für mich immer irgendwie abstrakt. So wie etwa China oder Indien. Länder, von denen man wundersame Erzählungen in Büchern liest, die aber für mich keine erreichbaren Ziele darstellten. Da ich nun aber schon bis Oulu gekommen war, reifte in mir der Plan einen Anschlussflug von Helsinki nach Finnisch-Lappland zu nehmen. Nur was sollte ich dort machen? Hotelressourts sind nicht so meins, gebuchte Safaris auch nicht. Sollte ich mich auf eine der Wanderrouten in die Nationalparks wagen? Schließlich sind die wahren Schönheiten Lapplands in der Natur zu finden. Daher wählte ich mir drei Ziele aus: den Wanderpfad durch den Kevo-Nationalpark, ein paar Tage im Urho-Kekkonen-Nationalpark und die Bärenrunde im Oulanka-Nationalpark. Gute Güte, was war ich aufgeregt! Was sollte ich tun, wenn ich einem Bären begegnen würde? Gut kann ich mich noch an die erste Nacht in meinem Zelt an einem ausgewiesenen Platz im Kevo-Nationalpark erinnern. Ich hatte solch eine Angst, dass ich nicht schlafen konnte. Jedes Geräusch jagte meinen Puls in die Höhe. Ich hatte nicht einmal mehr den Mut auch nur mein Innenzelt zu öffnen, um einen Blick nach draußen zu werfen. Ich lag im Dunkeln, mein Herz pochte bis in den Hals und ich fror und schwitzte zugleich. Später las ich in einem Buch etwas über den Begriff „Trail Shock“ – die Angst der ersten Nächte im Zelt. Geräusche, die unser Gehirn nicht einordnen kann, lassen unsere inneren Alarmglocken schrillen. Es dauert einige Zeit, bis unser Hirn die verschiedenen akustischen Signale, welche ins Zelt dringen, zuordnen kann. Die klackernden Gelenke der Rentiere beispielsweise, die gerne auch mal übermütig herumtollen, wenn sie keine Gefahr wahrnehmen. Das Rascheln der Mäuse und Vögel. Das Stöbern, Schmatzen und Schnaufen kleinerer Säugetiere. In Mitteleuropa verbringt man schon eine schlaflose Nacht, wenn man auch nur eine einzige Stechmücke im Zimmer hat. Dabei hält uns nicht nur der Gedanke an den möglichen Stich, als auch das sägende Geräusch des suchenden Tieres wach. Wie soll man da eine Nacht mit dutzenden solcher Tiere in Lappland überstehen können? Die Antwort ist Gewöhnung. Zunächst hält uns das Geräusch sicherlich wach. Aber mit der Zeit beginnt unser Gehirn zu verinnerlichen, dass uns unter unserem Mückenschutz oder in unserem Innenzelt keinerlei Gefahr vor den gierigen Blutsaugern droht. Heute, nachdem ich zahlreiche Monate in der lappischen Tundra und den Wäldern des Nordens verbracht habe, gibt es kein sichereres Mittel mich zum Einschlafen zu bringen als das monotone Summen von einem Dutzend Stechmücken, welches mein Innenzelt umschwirrt. Auch zuhause wache ich vom Geräusch einer Mücke nicht mehr auf. Was mich fast ebenso gut zum Einschlafen bringt, ist Regen, welcher auf die Zeltplane trommelt. Das Geräusch ist ähnlich hypnotisch wie das der Mücken. Trocken in meinen warmen Schlafsack eingemummelt schiele ich aus meinen Augenwinkeln und beobachte wie Millionen glitzernder Wassertropfen Astwerk und Moos bedecken, wohl wissend, dass ich in meinem Zelt trocken bleibe. Neben den nächtlichen Geräuschen lernt man über die Jahre auch seine Ausrüstung kennen und schätzen: nicht nur das Zelt, sondern auch seinen Schlafsack, die Isomatte, den Kocher und all die anderen notwendigen Dinge, die man so mit sich führt.

Ein ungewöhnliches Geräusch ist der Wind im hohen Norden. Da ich aus einer holzerntenden Familie komme, kenne ich die Geräusche des Waldes bereits seit meiner frühen Kindheit. Auch schon vor Lappland habe ich unzählige Tage in den nahen Wäldern verbracht: zum Lesen, Zeichnen oder Wandern. Das Knarren der Baumstämme im Wind und das Rauschen des Blattwerkes erschrecken mich nicht. Doch wie anders klingen diese Geräusche in Lappland! Hier kreisen die Böen und greifen mal hier und mal da in die Kronen der weit auseinanderstehenden Bäume. Die trockenharten Blätter der Birken klappern wie Rasseln. Wasserläufe gluckern, plätschern und murmeln ihre eigene Sprache. Böse heult der Wind auf den kahlen Tunturis.1) Lange habe ich gebraucht, bis ich mich an diese Geräusche gewöhnen konnte. Doch heute fühle ich mich wie eine Katze in ihrem Korb und schlafe nur umso tiefer, wenn die Windmühle wieder einmal kreist.