Nokian Gummistiefel kommt nicht von Nokia

In meinem Sommerurlaub „zu Hause“ in Finnland ist mir in der Zeitung meiner Heimatstadt Riihimäki ein ziemlich kleiner Artikel aufgefallen: „Kumisaappaiden valmistus päättyy Nokialla“ (dt. Die Herstellung von Gummistiefeln endet in Nokia). „Na, da geht mal wieder die Geschichte eines finnischen Kultproduktes zu Ende“, dachte ich. In dem Moment war ich froh, dass ich mir vor ein paar Jahren echte Nokian-Gummistiefel gekauft hatte, und somit „Made in Finland“-Trockenhalter für die Füße für die nächsten 20 Jahre hatte.

Das Thema mit den Gummistiefeln aus Nokia ist bei mir irgendwie hängen geblieben und ich habe mich über die Produkte und deren Hersteller etwas informiert.

Die Geschichte des Herstellers der finnischen Gummistiefel-Kultmarke fing vor 110 Jahren im Jahr 1898 an, als die Suomen Gummitehdas (dt. Finnland’s Gummifabrik) Oy in Helsinki gegründet wurde. Damals stellte die Firma Gummigaloschen her.1904 wurde die Fertigung von der Stadtnähe in Helsinki aufs Land nach Nokia umgezogen. Dort kamen Gummistiefel ins Sortiment, und zwar Modelle für Jedermann, Arbeiter und Soldaten. Die Fabrik fertigte aber nicht nur Stiefel, sondern auch allerlei Gummierzeugnisse von Maschinenriemen über Schläuche bis hin zu Autoreifen. Unmittelbar nach dem Umzug wurden die Erzeugnisse mit der Marke „Nokia“ vermarktet, um ihnen einen unverwechselbaren finnischen „Touch“ zu geben und sie von den Importprodukten aus Russland abzuheben. Nokia wurde ein Begriff des finnischen „Gummi-Know-how’s“. In den 30er Jahren wurde das Sortiment noch größer und umfasste zusätzlich noch Hausschuhe, Fahrradreifen und technische Gummimischungen.

In der Zwischenzeit (1910) kaufte Suomen Gummitehdas die Zellstofffabrik Nokia Aktiebolag in Nokia. Die Zellstofffabrik war fast bankrot, aber die Gummifabrik bekam ihre Verbrauchsenergie von dem Kraftwerk der Fabrik und schloss zur Sicherung ihrer Energieversorgung einen Kaufvertrag. 1922 ging es weiter mit Firmenkäufen: die Firma Suomen Kaapelitehdas (dt. Finnland’s Kabelfabrik) Oy, Hersteller von Telefon- und Telegraphkabeln, wurde übernommen.

1967 fusionierten sich die drei Firmen Suomen Gummitehdas Oy, die mittlerweiler Suomen Kumitehdas Oy hieß, Suomen Kaapelitehdas Oy und das Forst- und Energieerzeugungsunternehmen Nokia Aktiebolag. Ein Großkonzern Oy Nokia Ab war geboren. Der Konzern war aktiv in den Branchen Gummi-, Kabel- und Forstindustrie sowie Elektrizitätserzeugung und Elektronik.

Ungefähr zur gleichen Zeit wurde das erste Klassiker-Gummistiefelmodell „Hai“ entworfen und auf den Markt gebracht. Ursprünglich waren die Segler die Zielgruppe des Modells, aber mittlerweile findet man „Hai’s“ an den Füßen von Jung und Alt – meistens ohne Boot.

Der zweite Gummisteifel-Klassiker, der Kontio-Stiefel, wurde 1973 lanciert. Von dem gab’s übrigens 2004 auch eine Marimekko-Variante (siehe Bild).

In den 80er Jahren wurden außer Gummistiefel auch noch Skischuhe, Bowling-Schuhe und Diskoschuhe (!) produziert. Das war aber eine kurze Erscheinung. Schnell stellte man fest, dass die in Finnland hergestellten Schuhe nicht in der Konkurrenz mit Export-Schuhen mithalten können. Somit hieß es nach ein paar Jahren „back to the roots“ und man konzentrierte sich wieder auf das „Gummistiefel-Business“.

In den späten 1980er Jahren fanden dann gravierende Umstrukturierungen konzernweit statt. 1988 machten sich Nokian Renkaat (dt. Nokian Reifen) Oy und Nokian Kaapeli (dt. Nokian Kabel) Oy selbstständig. Im gleichen Zug wird die Sparte für Kabelmaschinen an die Schweizer Maillefer Gruppe verkauft. Zwei Jahre später wird das eigenständige Unternehmen Nokian Jalkineet (dt. Nokian Schuhwerk) Oy gegründet. Und die ursprüngliche Elektronikabteilung der Gummistiefelfabrik beginnt als Nokia Oy die Eroberung des Weltmarktes der Informations- und Kommunikationstechnik.

Im Jahrtausendwechsel rutschte die finnische Gummistiefelindustrie in die größte Krise ihrer Geschichte. Die Herstellung qualitativ hochwertiger Gummistiefel in Finnland habe sich nicht mehr gelohnt. Die hohen Arbeitskosten in Finnland und immer weiter sinkende Marktpreise bildeten eine unmögliche Gleichung, hieß es aus den Management-Reihen. „Made in Finland“ reichte nicht als Begründung für den höheren Verkaufspreis.

Nokian Jalkineet verlagerte die Produktion größtenteils nach Mittel- und Ost-Europa während die Produktdesign und -entwicklung fest in finnischen Händen blieb. Heutzutage werden die Nokian-Gummistiefel hauptsächlich in Litauen, Slowakei, Serbien und Tschechien gefertigt.

Der Firmenname Suomen Kumitehdas Oy wurde 2004 wiederbelebt, als ein Unternehmen gegründet wurde, das die Fertigungsmaschinen für Gummistiefel in Nokia übernahm und die Produktion weiterführen wollte. Ein Auftragsfertigungsvertrag für das Modell „Kontio“ wurde mit Nokian Jalkineet unterschrieben.

2005 kaufte das finnische Familienunternehmen Berner das Gummistiefelgeschäft von Nokian Jalkineet. Dadurch kamen die Produktmarken, die geheimen Gummirezepte und die Schuhleisten in ihren Besitz. Berner begann, aus Nokian Jalkineet eine internationale Spitzen-Handelsmarke aufzubauen, die ihre Wurzel fest in der finnischen Natur hat. Das Sortiment wurde erneuert und u.a. Gummistiefel für Kinder wurden als Neuigkeit präsentiert.
Mari Koskela


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Letzte Änderung: 12.02.2014
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